Wir haben ein paar Tage in Nieuwegein im Passantenhaven Plettenburg verbracht und von hier aus einen Ausflug mit den Fahrrädern unternommen. Aufgrund der Wetterberichte entschlossen wir uns, am ersten Tag das Kasteel De Haar zu besuchen. Die Fahrt führte zum Teil dem Amsterdam Rijn Kanaal entlang, was für uns ja immer spannend ist.

Gegen Mittag machten wir in Geertje’s Hoeve Halt. Das ist ein Hof, in dem Tiere meines Erachtens tiergerecht gehalten werden und der vor allem für Kinder und deren Grosseltern viel zu bieten vermag. Die Kinder haben viele Spielmöglichkeiten, können zwischen Hühnern und Ziegen herumtollen und über Strohballen klettern. Es gibt ein Restaurant und einen Hofladen mit selbst produzierten Lebensmitteln oder Produkten aus der Gegend.

Dann erreichten wir das Kasteel de Haar, ein wahres Märchenschloss mit einem herrlichen Park. Das mittelalterliche Haus De Haar wurde wahrscheinlich im Laufe des 13. Jahrhunderts auf einem höheren Deich entlang eines Rheinarms gegründet. De Haar wird erstmals 1391 schriftlich erwähnt.

Ursprünglich gehörte Kasteel de Haar einem Mitglied der Familie Van der Haar, der als Diener des Fürstbischofs von Utrecht über genügend Ansehen verfügte, um für sich und seine Familie ein befestigtes Haus zu bauen. Im 15. Jahrhundert gelangte die Burg durch die Heirat von Josina van de Haar mit Dirk van Zuylen in den Besitz der Familie Van Zuylen. Ihre charakteristische fünfeckige Form erhielt die Burg vermutlich, nachdem die Burg 1482 während der Streitigkeiten zwischen dem Bischof und der Stadt Utrecht zerstört und anschließend wieder aufgebaut wurde.

Ende des 19. Jahrhunderts erbte Baron Etienne van Zuylen van Nijevelt die inzwischen stark heruntergekommene Domäne De Haar, die in den Jahrhunderten zuvor durch verschiedene Stürme und Kriege zerstört worden war. Als der Baron Hélène de Rothschild in Paris kennenlernt und sie wenig später heiratet, beschließt er, das Familienschloss als Hommage an seine illustre Familie wieder aufzubauen.

Der Baron beschloss, mit dem Architekten Pierre Cuypers zusammenzuarbeiten, der bereits durch die Gestaltung des Rijksmuseums und des Hauptbahnhofs in Amsterdam berühmt geworden war. Der Baron und Cuypers einigten sich darauf, das Schloss entsprechend den ursprünglichen Konturen des alten Schlosses zu bauen. Der neugotische Baustil von Cuypers, der stark an das Mittelalter erinnert, passte gut zum Wunsch des Barons, das Schloss in eine Art Familienmuseum umzuwandeln.

Die Lebensweise des Barons war alles andere als mittelalterlich. Er war einer der ersten Automobil- und Flugzeugmeister und Präsident des „Club Automobile de France“ und des „Aéro Club de France“. Auch in den Niederlanden spielte er auf diesem Gebiet eine wichtige Rolle, weshalb er Ehrenvorsitzender des Niederländischen Automobilclubs wurde. In dieser Zeit organisierte Etienne 1898 eine Autorallye zwischen Paris und Antwerpen.

Der Baron und die Baronin möchten auch ihre Freunde und Verwandten auf das Schloss einladen und sie beeindrucken, und so kommen für diese Zeit allerlei moderne Annehmlichkeiten ins Schloss. Fließendes Warm- und Kaltwasser, Zentralheizung, Strom, ein türkisches Bad, eine hochmoderne Küche und ein Personenaufzug. Das alles ist in den Niederlanden Ende des 19. Jahrhunderts sehr extravagant. Selbst die Königin hat nicht so viel Luxus.

Ein Besuch lohnt auf jeden Fall und ist auch für Kinder ein besonderes Erlebnis.

Am nächsten Tag war relaxen angesagt. Es regnete ab und zu und dann zeigte sich die Sonne wieder. Es war deutlich kühler geworden. Am Abend liessen wir uns im „The Good Food Restaurant“ verwöhnen. Es gibt dort asiatische Spezialitäten. Das Essen ist köstlich, das Personal ist sehr freundlich und der Besitzer sehr zuvorkommend. Das Restaurant liegt im Westen der drei 650-jährigen Schleusen.

Am Kopf der Schleusen befindet sich ein Wehr, welches Wasser aus der Lek bis in die Grachten der Stadt Utrecht leitet. Vom Wirt erfuhren wir, dass dieses Wasser über einen unterirdischen Kanal unter dem Amsterdam Rijn Kanaal in die Grachten geleitet wird (und diese in der Nacht jeweils spühlt und mit frischem Wasser versorgt).

Heute fuhren wir vom Passantenhaven um etwa halb zehn Uhr los, nachdem ich noch den Seewasserfilter geputzt hatte. Vor der Schleuse waren wir die ersten, doch nach und nach gesellten sich weitere vier Boote hinzu. Normalerweise liegt der Wasserpegel der Lek tiefer als derjenige in den Schleusen. Dieses Mal mussten beim Ausfahren zwei unabhängige Schleusentore geöffnet werden. Wer genau hinschaut bemerkt, dass diese gegen beide Fliessrichtungen ausgerichtet sind.

Hier sieht man das Wehr, welches am Abend und in der Nacht mit Wasser der Lek die Grachten von Utrecht versorgt.

Vor der De Grote Sluis Vianen konnten wir den toll bemalten Schlepper bewundern …

… und in der Schleuse dieses wunderschöne Holzschiff. Der junge Skipper begleitete uns bis nach Gorinchem.

Wer denkt, auf dem Merwerdekanaal werde nur von Sportbooten befahren, der täuscht sich. Frachtschiffe sind zwar selten, aber man sieht sie doch. Zudem gibt es Hotelschiffe mit Fahrradfahrern oder reine Passagierschiffe.

Der Himmel war mehrheitlich bedeckt und zeigte eindrückliche Wolkenformationen. Ob sie uns noch begiessen würden?

Der Merwedekanaal ist gut unterhalten und zeigt einen abwechslungsreichen Flussverlauf. Auf den immer noch grünen und saftigen Wiesen weiden grosse Viehherden. Die für uns angenehmen Temperaturen mögen auch sie.

Die letzte Schleuse vor unserem Ziel ist die Grote Merwedesluis. Wir konnten die vielen Brücken unterwegs oft gar ohne Wartezeiten passieren. So erreichten wir den Hafen der Yachthaven Merwede und konnten am Liegeplatz B5 anlegen. Wir legten rechts an und konnten den Wind von Backbord zum Anlegen ausnutzen.

Es ist ziemlich ruhig geworden im Hafen der Watersportvereniging. Deshalb finden wir jeweils auch problemlos Anlegeplätze.

Auf der Fahrt merkte ich auf einmal, dass uns an der Steuerbordleine beim Masten die Niederländische Flagge fehlt. Die beiden Schäkel hängen noch, von der Flagge fehlt aber jede Spur. Wir müssen annehmen, dass die Flagge geklaut wurde. Einen Ersatz konnten wir in Gorinchem noch nicht finden (AWB, ACTION, VVV usw.).

Nun denn, wir werden schon noch einen Ersatz finden.

Morgen bleiben wir noch in Gorinchem, übermorgen geht’s über die Waal.