Heute wechseln wir in Gezeitengewässer: Ab der Schleuse sind wir wieder den Gesetzen des Mondes unterworfen. Ebbe und Flut reichen bis zum unteren Schleusentor von Poses. Wir haben eine Gezeiten-App konsultiert. Diese zeigte die Hoch- und Tiefwasserstände von Rouen an. Die weiter oben liegenden Orte werden pro 25 bis 30 Kilometer etwa zwei Stunden später betroffen. Ich persönlich dachte mir, dass wir etwa um acht Uhr los fahren sollten.

Fragen wir doch die Fachleute: André funkte zur nahe liegenden Schleuse von Poses und der Schleusenwärter meinte, eine Abfahrt um 10:00 Uhr sei am oekonomischsten. Mit abfliessendem Wasser fährt man schneller und spart erst noch Treibstoff. Wir starteten deshalb viertel vor zehn Uhr zusammen mit einem Segler. Dessen Crew hat im Sinn, ab der Schleuse bis Le Havre durchzufahren, wobei drei Personen das Schiff abwechselnd steuern wollen. Das bedeutet, dass sie mehrere bergwärts fliessendes Wasser erleben werden.

Bevor wir aber in die Schleuse infahren konnten, mussten wir auf die Ausfahrt eines Flusskreuzfahrtschiff abwarten. Obschon der englisch sprechende Segler die Schleuse korrekt angefunkt hatte, konnte er die Antwort auf Französisch nicht verstehen. Da bei beiden Schleusen rot-weisse Signale die Vorbereitung der Schleusen anzeigt, fragte er uns, welche Schleuse wir denn nun benutzen sollen. Gut, wenn man in Frankreich Französisch spricht respektive versteht.

Die Seine wird immer breiter und tiefer. Wir haben trotz abfliessendem Wasser immer mindestens vier Meter unter dem Kiel. Gegen Rouen werden es sogar acht bis neun Meter, allerdings bei einsetzender Flut.

Die Landschaft ist vielfältig und abwechslungsreich. Uns überraschen die Hügel und immer wieder die Kalkfelsen, die die Ufer säumen.

Die Fahrt ging flott voran. Zuerst fuhren wir mit etwa 13 km / Stunde, das steigerte sich im Verlauf der Reise bis 15.5 km / Stunde. Dann plötzlich ein abrupter Wechsel. Optisch wurde das durch die bergwärts fahrenden Frachter in grösserer Anzahl angekündet, dann durch die Strudel im Fluss und schliesslich durch einen massiven Tempoverlust. Wir kamen bei gleichbleibenden Tourenzahlen nur noch mit ungefährt 8 km / Stunde vorwärts. Früher loszufahren wäre wohl sinnvoll gewesen.

Wie dem auch sei: Wir erreichten schliesslich Rouen, wo bereits drei Flusskreuzfahrtschiffe an der Kade festgemacht hatten. Der Hafen von Rouen liegt etwas unterhalb der Stadt und wegen der Flut fuhren wir zuerst ein gutes Stück flussabwärts, damit wir von der Strömung bei der Einfahrt nicht überrascht würden. Die Auswirkungen waren dann weniger gross, als erwartet. Brigitte rief die Capitainerie an. Der Telefonbeantworter meinte, wir könnten erst um 14:30 Uhr Kontakt mit dem Büro aufnehmen. Ein paar Minuten später wurde das Telefon abgenommen, der Gesprächspartner wusste aber nicht, dass wir kommen. Er empfahl uns, ganz vorne bei der Tankstelle anzulegen. Der Hafenmeister käme um 15:00 Uhr.

Er traf ein und wir konnten unseren Aufenthalt bis am 8. Juni 2026 definitiv vereinbaren. Kilian wird am 6. Juni bei uns eintreffen, dann kann er Rouen auch noch einen Tag geniessen.

Wir machen im Päckli ganz hinten fest. Bei der Suche nach einer Steckdose mussten wir feststellen, dass diese doch relativ weit entfernt sind. Ich fragte den Hafenmeister nach einem Verlängerungskabel, was er aber nicht im Portfolio hatte. Er empfahl uns ein Geschäft, wo wir das erhalten könnten, aber Fehlanzeige. Immerhin empfahl uns dort ein Mitarbeiter die Firma Rexel. Auf Google Maps sah ich, dass diese bald einmal schliessen würde. Wir fuhren mit den Fahrrädern hin und erreichten den Verkaufsladen drei Minuten vor Ladenschluss. Der Verkäufer dort wusste sofort, was ich brauche und so kaufte ich ein 25 Meter Kabel (tauglich für 16 Ampère), einen Stecker und ein Gegenstück, damit ich die Verlängerung selbständig erstellen konnte.

Das gelang nicht zuletzt dank meinen Vorkenntnissen, die ich bei Andreas Schmied in Mürren erlangte, als ich mit Martin beim Legen und Einziehen der Stromleitungen erste Erfahrungen sammeln konnte. Nun verfügen auch wir über Strom. Das Verlängerungskabel wird uns sicher noch anderweitig gute Dienste leisten, weil manchmal Steckdosen vom Schiff sehr weit weg benutzt werden können.